Die studentische Mobilität birgt Chancen und Risiken für Deutschland

Trendanalyse und Ausblick in die Zukunft

Das Studium im Ausland wird bei Deutschen immer beliebter - aber zu weit weg darf es nicht gehen

Immer mehr deutsche Studenten entscheiden sich für ein Studium im Ausland. Im Jahr 2002 verließen knapp 60.000 Studenten ihr Heimatland Deutschland, um einen Abschluss im Ausland zu erlangen. Im Jahr 2012 waren es bereits 138.500 Studenten - ein Anstieg von gut 230%.

Nicht nur die absoluten Zahlen der Studierenden im Ausland haben sich vervielfacht, auch der Anteil der deutschen Studierenden im Ausland an allen deutschen Studenten erhöhte sich von 3,4% in 2002 auf 6,2% in 2012. Diese Studenten verteilen sich hauptsächlich auf Länder des europäischen Kontinents. Mehr als 60% beginnen ein Studium in Österreich (23,2%), den Niederlanden (18,1%), der Schweiz (10,4%) und dem Vereinigten Königreich (9,9%). Das beliebteste Land außerhalb Europas war im Jahr 2012 die USA mit knapp 10.000 Studenten aus Deutschland.

Top Destinationen.

Es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Wahl des Studienfaches und der Wahl des Studienlandes. Für Sprach-, Kulturwissenschaften und Sport ist Frankreich das beliebteste Ziel, knapp 50% der deutschen Studenten, die es in den Süden verschlägt, verfolgen ein Studium in dieser Kategorie. Im Vergleich dazu, sind es in Deutschland nur gut 20%, die ein solches Fach studieren.

Das Medizinstudium führt viele Deutsche nach Ungarn und in die Tschechische Republik, wo 66% beziehungsweise 40% der deutschen Studenten sich in der Medizin ausbilden lassen. Ein Grund hierfür ist das Fehlen eines Numerus Clausus (NC) zur Studienzulassung. Der hohe NC in Deutschland hat zur Folge, dass nur knapp 6% der deutschen Studenten hierzulande ein Medizinstudium beginnen.

Jeder zehnte Student, den es nach Irland zieht, beginnt dort ein Kunst- oder Kunstwissenschaftsstudium.

Für ein Studium im Bereich der Ingenieurwissenschaften bleiben jedoch die meisten inländischen Studenten in Deutschland, mit 19,3%  deutscher Ingenieursstudenten übertrifft die Bundesrepublik ihre internationalen Mitbewerber.

Deutsche Universitäten werden im internationalen Vergleich immer stärker

Laut einer jährlichen Rangliste der Times Higher Education (THE), einem britischen Magazin, das auf den Bereich Hochschulbildung spezialisiert ist, schneiden deutsche Universitäten im internationalen Vergleich gut ab.

Insgesamt wurden die Top 100 der THE der letzten fünf Jahre deutlich von Universitäten aus Amerika dominiert. Die zweitstärkste Kraft bildeten Universitäten aus dem Vereinigten Königreich, dicht gefolgt von den deutschen Institutionen.

Die Top 10 dieser Rangliste der letzten fünf Jahre bestand hingegen lediglich aus englischsprachigen Elite-Universitäten der USA und dem Vereinigten Königreich. Trotz dieser Dominanz verdoppelte sich im gleichen Zeitraum die Anzahl der deutschen Universitäten im Ranking von 14 auf 28 und die Anzahl der Top 100-Platzierungen konnte von 3 auf 6 gesteigert werden.

Europa Vs USA

Neben den deutschen Universitäten haben sich auch die Fakultäten unseres niederländischen Nachbarn gut entwickelt. Während in der Rangliste des Jahres 2011 von insgesamt 10 geprüften Institutionen, es keine niederländische Universität in die Top 100 schaffte, belegten in den Ranglisten von 2013 bis 2015 von insgesamt 13 geprüften Universitäten rund 50% einen Platz unter den besten 100 weltweit. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich in Belgien.

Top 100

 

Es ist deutlich erkennbar, dass deutsche Universitäten im internationalen Vergleich immer besser werden. Für eine Gesellschaft, die aufgrund des demographischen Wandels einem Fachkräftemangel gegenübersteht, ist es von besonderer Wichtigkeit, attraktiv für ausländische Bewerber zu sein. Dies bezieht sich neben der bildungspolitischen Attraktivität auch auf die des Landes als solches.

Deutschland zieht immer mehr Bildungsausländer an - es reicht allerdings nicht!

Dass Deutschland als Land für Ausländer attraktiv ist, bestätigt der Anholt-GfK Nation Brands Index 2014 laut welchem Deutschland das Land mit dem besten Image ist. Sie verdrängt dieses Jahr sogar die USA, die seit 2009 den ersten Platz inne hielt. Somit besitzt die Bundesrepublik das beste Image von 49 entwickelten und Schwellenländern.

Die Attraktivität Deutschlands zusammen mit der steigenden Wettbewerbsfähigkeit ihrer Universitäten hat zur Folge, dass immer mehr Ausländer nach Deutschland kommen, um einen Abschluss an einem unserer Bildungsinstitute anzustreben. Folglich lässt sich ein positiver Trend verzeichnen: vom Herbst-/Wintersemester 1998/1999 bis 2013/2014 entwickelte sich der Anteil der Bildungsausländer von 9,2% auf 11,5%. In den Jahren 2004 bis 2006 erreichte dieser Höchstwerte von 12,5%.

Die Bundesländer Berlin, Saarland und Bremen haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Bildungsausländern mit 16,7%, 14,3% und 14,2% im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. Den geringsten Anteil an Bildungsausländern weist Mecklenburg-Vorpommern auf mit lediglich 6,3%. Absolut gesehen ergibt sich selbstverständlich ein anderes Bild, wie die nachfolgende Grafik zeigt.

Bundesländer

Den größten relativen Zuwachs an ausländischen Studenten erfuhr Deutschland aus den Ländern der Europäischen Union. Vom Wintersemester 1980/1981 bis 2013/2014 steigerte sich die Anzahl an innereuropäischen Studenten um 1.153%. Absolut gesehen übertrifft der Zuwachs aus nicht-europäischen Ländern jedoch den innereuropäischen. Im oben genannten Zeitraum stieg die Anzahl der außereuropäischen Studenten von knapp 50.000 auf über 200.000, verglichen mit einem absoluten Anstieg von rund 80.000 innereuropäischen Studenten.

Der deutsche Staat fördert den Zuwachs an ausländischen Studenten, indem er die Studienbewerber aus EU-Ländern gleich behandelt wie Inländer und darüber hinaus den Bewerbern aus Drittstaaten spezielle Kontingente vorbehält. Warum auländische Studenten in Deutschland eine so wichtige Rolle spielen, wird deutlich, wenn man die demographische Entwicklung in Deutschland betrachtet. Mit einer Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau schrumpft die deutsche Bevölkerung deutlich. Um wettbewerbsfähig zu bleiben und ausreichend Fachkräfte zu haben, ist eine massive Einwanderung unabdingbar. Ein geeigneter Weg, qualifizierte Arbeitskräfte für Deutschland zu gewinnen, ist die Einwanderung über die Hochschule.

Die größte Gruppe an Bildungsausländern in Deutschland bildeten im Jahr 2014 die Chinesen. Mit knapp 28.400 Studierenden lagen sie weit vor der zweitgrößten Gruppe, den Russen mit rund 11.000 Studierenden. Indien und Österreich folgen mit jeweils ca. 9.000 Studenten. Lediglich 4.300 Studenten aus den USA kamen 2014 nach Deutschland, wohingegen 10.000 Deutsche in die USA reisten, um dort zu studieren.

Bei den chinesischen, wie auch bei den indischen Studenten, ist der Anstieg der Studierenden im Bereich des Ingenieurwesens besonders signifikant. Vom Semester 1998/1999 bis zum Semester 2013/2014 hat sich die Anzahl der chinesischen Ingenieursstudenten um über 900% gesteigert, die der indischen steigerte sich sogar um 2.457%.

Mit 5.173 Studierenden streben die meisten Russen in Deutschland einen Abschluss in Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den österreichischen Studenten mit 3.752 Studierenden in diesem Bereich.

 

Fächerwahl

Besonders in den Bereichen Ingenieurwesen und den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) schließen überproportional viele Ausländer ein Studium erfolgreich ab, wie in der obenstehenden Grafik exemplarisch dargestellt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es für Deutschland notwendig, diese Studenten im Land zu halten.

Laut OECD verbleiben 26% der Bildungsausländer nach ihrem Abschluss in der Bundesrepublik, im Jahr 2010 blieben 15.200 der Bildungsausländer nach ihrem Studienabschluss in Deutschland. Dieser Wert liegt im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Angeführt wird die OECD Statistik von Kanada mit knapp 33%. Schlusslicht ist Österreich mit gut 17%. Je nach angewandten Messkriterien variieren diese Werte - laut des IW-Trends des Institutes der deutschen Wirtschaft Köln liegen die Werte mit 44,3%  für Deutschland deutlich höher.

Das Deutschland der Zukunft - nur möglich mit ausländischer Unterstützung?

Laut des diesjährigen Berichtes des Hochschulbildungsreports 2020 des Stifterverbands der deutschen Wirtschaft in Kooperation mit McKinsey&Company, wird sich die Anzahl ausländischer Studenten in Deutschland von heute 102.000 auf 258.000 im Jahr 2025 erhöhen. Diese Prognose ist für Deutschland von besonderer Wichtigkeit, da bereits heute 50% der Unternehmen in Deutschland auf ausländische Absolventen angewiesen sind. Über zwei Drittel der Unternehmen sind der Meinung, dass sich die Situation in Zukunft noch verschärfen wird. Hochschulen sind folglich ein essentielles Zuwanderungsinstrument,

Wie bereits illustriert, steigt die Anzahl ausländischer Studenten in Deutschland. Zudem schließt ein Großteil dieser in Fächern ab, die aufgrund von Knappheit an Nachwuchskräften für die deutsche Wirtschaft von besonderer Bedeutung sind: Ingenieurswissenschaften und MINT-Fächer. Momentan brechen ausländische Studierende jedoch deutlich häufiger ihr Studium ab als Bildungsinländer (41% vs. 28%). Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass nur ein Teil der Studierenden nach dem Studium auch in Deutschland verbleibt, ist die Investition von Seiten des deutschen Staates in einen ausländischen Berufseinsteiger auf dem deutschen Arbeitsmarkt derzeit drei mal höher als die in einen deutschen, rund 134.000€.

Demnach besteht ein großer Verbesserungsbedarf darin, mehr ausländische Studierende zu einem erfolgreichen Abschluss an einer deutschen Universität zu führen und sie zu incentivieren auch nach dem Studium in Deutschland zu bleiben. Nur so ist es dem Staat möglich, die Invesitionen in die Ausbildung ausländischer Berufseinsteiger zu senken. Voraussetzungen dafür sind transparentere Aufnahmeverfahren, Sprachkurse, die eine bessere Integration ermöglichen sowie Unterstützung bei dem Übergang in den Beruf. Bessere Betreuungs- und Stipendienprogramme können eine Möglichkeit darstellen, die Abbrecherquote zu reduzieren. Um die Zuwanderung über Hochschulen zu fördern, müssen Staat und Hochschulen investieren, um in langer Sicht zu profitieren.

Zuwanderung Deutschland

Für die deutsche Wirtschaft ist es nicht nur wichtig, dass ausländische Studenten nach Deutschland kommen, ein Studium abschließen und hier verbleiben sondern auch, dass sich mehr deutsche Studenten im Ausland internationale Kompetenzen aneignen. Für die Hälfte der deutschen Unternehmen ist internationale Kompetenz ein zentrales Kriterium bei der Einstellung neuer Mitarbeiter. Diese Qualifikation wird immer wichtiger. Dennoch stagniert der prozentuale Anteil der deutschen Studenten, die ins Ausland gehen seit 2000 bei rund 30%, ob für ein komplettes Studium, ein Auslandssemester oder -praktikum.

Zudem verringerte sich der Radius der Auslandsaufenthalte. Studierende konzentrieren sich zunehmend auf Nachbarländer, wie Österreich, die Schweiz, Niederlande, Belgien und Luxemburg. 2001 waren es nur 28%, die in diese Länder gingen, 2012 bereits 54%. Die Motivation hinter dieser Wahl ist zumeist der Wunsch ein Studienfach zu studieren, das in Deutschland mit einem hohen NC versehen ist. Das Sammeln von interkulturellen Erfahrungen verbleibt hier im Hintergrund.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, sollten Studenten stärker darin unterstützt werden, im Ausland Praktika zu absolvieren, Sprachkompetenzen auszubauen und mehr Anreize für einen Auslandsaufenthalt außerhalb Deutschlands Nachbarländer gesetzt werden. Auch die Studieninhalte in Deutschland sollten stärker international ausgerichtet werden. Die zunehmende Verschulung des Studiums als Folge des Bachelor-Master-Systems könnte ebenfalls ein Faktor sein, der die Flexibilität der Studenten einschränkt.

Um seine Attraktivität zu steigern, muss Deutschland ein weiteres Kriterium erfüllen. Trotz einer erkennbaren Verbesserung der deutschen Universitäten im weltweiten Vergleich, liegen diese dennoch eindeutig hinter den englischsprachigen Elite-Universitäte. Durch gezielte Maßnahmen sollten die Bundesländer die Qualität und internationale Ausrichtung ihrer Hochschulen und Universitäten verbessern, um weiterhin den Abstand zu den globalen Elite-Universitäten zu verkleinern.

Ob Deutschland in Zukunft in der Lage sein wird, seine momentan starke Position in der Welt zu halten hängt davon ab, wie es die genannten Herausforderungen meistert. Als Land mit schrumpfender Bevölkerung musst es sich die gestiegene Mobilität der globalen Welt zunutze machen und Talente anwerben, um seine Wettbewerbsfähigkeit beizubehalten.